Wirtschaftsethik für Anfänger

Es geht gleich gut los im Senatsaal der Berliner Humboldt Uni, in der die Debatte zur Wirtschaftsethik stattfindet. Der begrüßende Student behauptet, dass allein die Anwesenheit der Zuschauern beweist, dass es so etwas wie Wirtschaftssethik gibt. Hat Erich von Däniken jemals behauptet, dass allein die Anwesenheit von Zuschauern bei einer Ufo-Diskussion die Existenz von Ufos belegt? Nein?

Der Wert der Werte – Mit Ethik zum Unternehmenserfolg? Die Podiumsdiskussion organisiert vom Humboldt Forum Wirtschaft und den beiden Quandt-Stiftungen (BMW und Altana) hatte eigentlich das Ziel, die Debatte zur Wirtschaftsethik zu vertiefen. Man hätte annehmen können, dass die meisten Anwesenden sich mit der Problematik auskennen.

Aber nachdem die Moderatorin (Ursula Lucas-Bachert von der Agentur für Werte-Kommunikation) die Biographien der Podiumsteilnehmer mit dem Charme einer Kindergärtnerin vorstellt (“Ich les jetzt mal vor, was mir gerade aus dem Internet ausgedruckt wurde.”), legt der erste Referent Dr. Dr. Thomas Rusche mit ein paar Allgemeinplätzen los.

Wie ein Priester kommt er nach vorne, die Designerjacke lässig über den Schultern, das braungebrannte Gesicht voller Stolz, erzählt er uns, dass a) der Markt ein tolles System mit ein paar Macken ist, b) Menschen sich aber ethisch verhalten können, c) es auch ein paar nette Unternehmen gibt.

Herr Dr. Rusche: die unsichtbare Hand von Adam Smith und die Bienenfabel von Manderville wird von jedem zweiten Wirtschaftsjournalisten zitiert, wenn er damit klar machen will, dass der Eigennutz auch positive Folgen fürs Gemeinwohl haben kann. Aber den alten Knochen rauszuholen, wenn lauter BWLer im Saal sind, die man mit Adam Smith seit dem ersten Semester begossen hat, das hätte doch nicht sein müssen, oder?

Hätten sie doch mal lieber erzählt, was sie in ihrem Unternehmen, einer Textilienkette für Luxusherrenartikel tun, um Sozial- und Umweltstandards einzuhalten! Oder ob ein sauberes Gewissen nur bei den Margen in der Branche der Luxusshops möglich ist? Ich hab ja nichts dagegen, dass man mit einem knackigen Zitat aus der philosophischen Schatzkiste einen Einstieg in einen Vortrag macht, aber sage und schreibe 25 Minuten über die größten Allgemeinplätze zur Wirtschaftsethik zu referieren, das finde ich schon etwas viel.

Als Dr. Rusche geendet hat, ist Dr. Tessen von Heydebreck, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank Stiftung, dran. Auch von seinem Vortrag hätte ich mir mehr konkrete Erfahrungsberichte gewünscht, aber er gibt wenigstens zu, dass die Deutsche Bank sich in arabischen Ländern wie Saudi-Arabien nur begrenzt an die Europäischen Wirtschaftsethik-Normen halten kann, weil man sonst nicht nur lokale Sitten und Gebräuche verletzen würde, sondern teilweise auch seine Angestellten in Gefahr bringen würde.

Pater Klaus Mertes vom Canisius-Kolleg ist das Gegenteil seiner beiden Vorredner. Ohne lange Umschweige bringt ein paar wichtige Einsichten ins Gespräch ein und entschuldigt sich gleich vorab, wenn er zu lange reden würde.

Er sagt, dass man Werte nur in Freiheit lernen kann. Nur wenn man sich ausprobieren kann, kann man Werte auch annehmen. Werte werden in der öffentlichen Debatte oft als Produkt von Erziehung verkauft, aber jemanden zu bestimmten Werten erziehen zu wollen, hat oft genau die gegenteilige Wirkung: der “Erzogene” wendet sich gegen die vermittelten Werte und lehnt diese ab. Pater Mertes sagt, das man selbst denken können muß, um sich Werte zu erschliessen.

Gut, ich gebe zu, dass in der verkürzten Form das auch ziemlich “selbstverständlich” klingen wird. Aber ich finde den Ansatz eigentlich interessant: was muss man eigentlich dafür tun, dass Werte gelebt werden können? Wie müssen sich Schule, Hochschule und Gesellschaft ändern, damit Werte nicht von oben herab aufgestülpt werden müssen? Müssen Schulen dann möglichst frei sein, wie der Sudbury-Schulen, die weder Stundenplan noch Noten haben?

Die Moderatorin ist jedenfalls nach dem Beitrag des Paters wieder aufgewacht und möchte das Gespräch voranbringen. Sie stellt fest, dass es sich bei der Diskussion bisher um Werte gedreht hat. Wahrscheinlich ist ihr erst jetzt der Titel der Veranstaltung aufgefallen.

Sie behauptet, der Mensch hat nur 26 bis 28 Werte, mehr leider nicht. Dann behauptet sie noch, dass es keinen Werteverfall gibt, sondern sich nur die Reihenfolge der Werte ändert.

Bevor noch weiteres intellektuelles Neuland betreten wird, stellt sie lieber gleich eine investigative Frage ans Podium: “Was ist besser, Ethik oder Gewinnmaximierung?”

Liebe Frau Lucas-Bachert, wer als Moderator solche Fragen stellt, dem müsste man das Mikro gleich wegnehmen. Solche Fragen sind doch geradezu Einladungen mit Goldkarte zum ausgiebigen Schwafeln, oder nicht? Nichts ist für den Zuschauer langweiliger als die alten abgefrühstückten Debatten noch einmal anzuhören. Insbesondere dann, wenn Sie selber auf Ihrer Homepage so ausgiebig Ihre Antwort auf diese Fragen geben: Gewinnmaximierung DURCH Ethik.

Dr. Rusche weiß zumindest zu sagen, dass bei BWL keine Ethik gelehrt wird, die anderen Antworten sind mir leider entschlummert, war auch schon sehr spät. Die nächste Frage der Moderation ist, ob Ethik-Kodizes wichtig sind. Jetzt beschliesse ich zu gehen, denn noch mehr allgemeines Geplänker halte ich nicht dann doch nicht aus. Auch einige andere Zuhörer verlassen den Saal, es scheint als ob das Humboldt Forum wirtschaft soeben mehrere hundert Stunden Lebenszeit vernichtet.

Ich hab nichts dagegen, wenn über Unternehmensethik diskutiert wird, aber dann doch bitte auf fachlich hohem Niveau, ohne viel Geschwafel und mit vielen Praxisbeispielen. Die Zuschauer gleich von Anfang mit einzubeziehen, ist meist eine ziemlich gute Idee. Denn dort sind meistens auch die besten Fragen versteckt – ein guter Moderator hat eben dafür ein Gespür, diese rauszukitzeln.

Ich hab nichts dagegen, wenn die Quandt-Stiftungen das Humboldtforum unterstützen, obwohl sich BMW und ALTANA wahrscheinlich solche Ausgaben auf die Haben-Seite ihrer CSR-Bilanz schreiben, obwohl unterm Strich nix rausgekommen ist. Aber schöner wäre es doch, wenn man kontroverse Gäste einlädt, Debatten zulässt, Netzwerke aufbaut und ein Follow-Up solcher Veranstaltungen fordert. Leider alles Fehlanzeige. Schade.

Zum Thema Wirtschaftsethik war neulich ein interessanter Artikel über Managergehälter bei Spiegel Online.

Und ein sehr aufschlussreiches Interview mit Alfred Ritter von Rittersport in der FAZ am Sonntag.

Zitat 1:

Wenn die Mitarbeiter nur das Gefühl haben, eine Nummer zu sein oder durch eine Maschine ersetzt werden zu können, dann haben die auch keine Motivation mehr sich zu engagieren.

Zitat 2:

Private Equity? Ich habe mit diesen Leuten nichts zu schaffen. Und darüber bin ich sehr glücklich.

Wie wäre mal damit als Diskussionsthemen für Wirtschafsethiker?

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One Response to “Wirtschaftsethik für Anfänger”

  1. Tobi Says:

    Was hat es mit Wirtschaftsethik zu tun, wenn ein alter deutsche Mittelständler sich unqualifiziert über einzelne Akteure der Finanzmärkte äußert oder Allgemeinplätze über Mitarbeitermotivation von sich gibt?

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