Projekt 2.0 – Projektmanagement mit Social Venture Capital

Immer dann, wenn ich dabei sein konnte, wie Projekte entstehen, dann lief es nach einem bestimmten Muster ab: es gab eine Idee, jemand hat sich hingesetzt und dafür ein Konzept geschrieben, ein Budget wurde aufgestellt, Geld gesucht, das Geld entsprechend dem Budget und dem Konzept ausgegeben und am Schluss ein Follow-Up gemacht.

Ein solches Verfahren ist komfortabel für alle Beteiligten: man weiß durch das Konzept genau, wer am Projekt beteiligt ist, Sponsoren wissen genau, was das Projekt bringt, Arbeitsablaufe werden schon im Vorfeld aufgeschrieben, Einkommen aus dem Projekt werden schon im Vorfeld verteilt.

Diese Methode ist wahrscheinlich sowohl in Privatunternehmen, in Behörden, in NGOs, bei den Medien und bei Parteien die Standard-Methode, um Projekte ordentlich durchzuführen – Projektmanagement 1.0.

Meine Erfahrung ist aber, dass diese Methode oft auch an ihre Grenzen stösst. Ich merke, dass ich immer mehr Projekte machen möchte, bei denen am Anfang eine Idee steht, aber weder klar ist, wie sich das Projekt entwickeln, ob es größer oder kleiner wird, welche Ergebnisse rauskommen werden, wer mitmacht, wieviel Finanzen benötigt werden.

Oft ist es so, dass ein Projekt erst dadurch gut wird, dass möglichst viele gute Leute beteiligt werden, aber wie kann man das schon im Vorfeld wissen, was jemand für die Beteiligung haben will? Oft ist es ja so, dass erst durch die Entwicklung des Projekts wichtige Impulse aufgenommen werden.

Wenn man aber schon die Entwicklung des Projekts finanzieren muss, dann hat man ein Problem: entweder schreibt man ein Konzept, das diese Entwicklung “mitdenkt” oder man verkauft den Auftraggebern scheibchenweise die Änderungen und hofft, dass sie bei der Sache immer mitmachen.

Es gibt Leute, die in bewundernswerter Schnelligkeit und Gründlichkeit Projektkonzepte aus dem Boden stampfen können. Bei der Jugendpresse möchte ich mal an dieser Stelle Björn Richter, Max Kall und Sebastian Olenyi nennen, die sicherlich durch ihre Erfahrung in der Durchführung von Projekten mit einer fast unglaublichen Geschwindigkeit plus diversen Textbausteinen aus vorhergehenden Konzepten eine neue Idee in ein 15-Seiten-Dokument gießen können, dass bei potenziellen Sponsoren großen Eindruck macht.

Mir fällt es wesentlich schwerer, ein Konzept im Hauruck-Verfahren zu erstellen – und anderen wie zum Beispiel Christoph Fahle auch. Wir brauchen die Interaktion mit anderen Leuten, wir brauchen das Herumspinnen, das Ausprobieren. 80 Prozent aller entwickelten Ideen werden wahrscheinlich nie in die Tat umgesetzt, aber dafür sind die restlichen 20 Prozent der Ideen richtig gut (hoffe ich).

Das Problem ist, dass nur die wenigsten Organisationen darauf ausgelegt sind, Kreativität und Herumspinnen zu erlauben – die großen Unternehmensberatungen und Softwarenfirmen ebenso wenig wie die Universitäten, die Stiftungen und öffentlichen Verwaltungen.

Die Idee zählt wenig, es zählt im Zweifelsfall immer die Umsetzung. Im Klartext: es wird die Arbeit belohnt, die aus der Idee ein fertiges Projekt macht. Aber Ideengeber sind dann meistens die Deppen. Mir ist es schon einige Male passiert, dass Professoren, Unternehmer, Aktivisten meine Ideen genommen haben, sie selber leicht abgewandelt und umgesetzt haben. Wenn sie wenigstens dann so ehrlich wären, zuzugeben, dass sie im Grunde genommen nur Parasiten der Ideen anderer Leute waren, wäre das ja noch okay, aber diese Ehrlichkeit haben leider immer weniger Menschen.

Vielleicht könnte man das lösen mit einer anderen Art des Projektmanagements, die es erlaubt, auch im Laufe eines Projekts neue Leute einzubinden, ohne dass Gefahr läuft, dass jemand vorne oder hinten abgeschnitten wird vom Erfolg eines Projekts?

Wie wäre es, wenn man so vorgeht: eine Idee wird von einer Person bzw. einer kleinen Gruppe grob skizziert. Maximal zehn bis fünfzehn Zeilen zu schreiben reichen aus – sei es in einem Blogeintrag oder ähnliches. Damit ist die Idee in der Welt, wer eine ähnliche Idee hat, sollte sich dann mit der Gruppe in Verbindung setzen.

Oft ist ja so, dass die meisten Leute eine Idee der Idee wegen umsetzen wollen und deswegen gar kein Problem haben, wenn andere Leute mitmachen. Das Problem ist eigentlich fast immer das Geld – viele Leute stecken Arbeit in die Weiterentwicklung eines Projekts, aber den Ruhm und das Geld streichen dann meistens nur die Projektleiter oder vielleicht noch die Orgnaisation ein – was für alle Beteiligten sehr unfair ist. Man muss versuchen, das AAL-Prinzip (andere Arbeiten zu lassen) aus der Projektentwicklung und -umsetzug komplett herauszunehmen, erst dann kommt es zu guten Ergebnissen.

Angenommen, die Gruppe der Ideengeber würden am Anfang kein festes Geld als Einkommen zu erwarten, sondern lediglich das spätere durch das Projekt zu erzielende Einkommen untereinander aufzuteilen. Sie verfügen also über 100% der Einnahmen – unabhängig davon ob es bei null Einnahmen bleibt oder ob das Projekt ein riesiger Erfolg wird.

Angenommen man findet jemanden, der aus der Idee ein gutes Konzept schreiben kann. Dann sollte er mit einem gewissen Prozentsatz an den Einnahmen, egal wie hoch sie sind, beteiligt werden. Angenommen, man findet ein gutes Projektteam, dann sollten auch diese zu einem gewissen Prozentsatz beteiligt werden.

Der Prozentsatz ist natürlich immer Verhandlungssache – es hängt davon ab, was jemand zu einem bestehenden Projekt hinzunehmen könnte. So könnte man übrigens alle Arbeiten im Projekt verteilen, von der Außendarstellung über die Buchhaltung über die Pressearbeit über die Logistik: immer geben die bisher Beteiligten einen gewissen Prozentsatz des Gesamteinkommens ab.

Für denjenigen, der hinzu kommt, ist das ein gewisses Risiko, es kann ja sein, dass aus dem Projekt gar nichts wird. Aber wenn er meint, dass das Projekt erfolgreich sein könnte, wird auch seinen Teil dazu beitragen, dass es noch erfolgreicher wird.

Das Projekt wird dadurch erfolgreicher, dass die unterschiedlichsten Beteiligten ihre spezifische Art des Social Venture Capital einsetzen, ihre Zeit, ihre Motivation und Energie. Ganz analog zum “normalen” Venture Capital ist das Risiko und der Ertrag Verhandlungssache.

Auch hier besteht das Problem, dass man gar nicht weiß, welche Arten von Aufgaben man im Laufe eines Projekts eigentlich benötigt. Das lässt sich aber ganz einfach regeln: immer dann, wenn jemand Neues hinzukommt, wird sein Anteil aus den 100% des Einkommens genommen aus den Anteilen der anderen – und zwar prozentual.

Angenommen, ein Projekt wurde von zwei Leuten initiert, die jeweils sich auf 50% geeinigt haben. Jetzt wird jemand hinzugeholt, der die ersten Kontakte zu potenziellen Sponsoren knüpft. Angenommen, er erhält 20 Prozent dafür, bleiben noch jeweils 40 Prozent bei den beiden Ideengebern. Angenommen, jemand viertes kommt ins Projekt und soll die erste Phase des Projekts umsetzen, er will dafür zehn Prozent. Dann haben die restlichen drei noch 36, 36 und 18 Prozent und der vierte zehn Prozent. Usw.

Das entscheidende Problem ist aber eher folgendes: wo ist die Grenze zu ziehen zwischen Sponsoren und Unterstützern? Wenn eine Stiftung Geld und Expertise gibt, damit ein Projekt stattfinden kann, wie hat sie dann Anteil am Einkommen eines Projekts? Im Grunde löst sich das Problem wie jede andere Verhandlungssituation sehr einfach auf: wenn ein Geldgeber Expertise in ein Projekt bringt, dann erhält er aus dem gemeinsamen Projekt einen Teil des Geldes zurück.

Vielleicht werden sich einige fragen: was ist denn der Unterschied zu “normalen” Venture Capital? Der Unterschied ist der, dass Social Venture Capital einen sozialen Output haben soll, aber nicht notwendigerweise einen finanziellen Output. Nicht alle Projekte sorgen dafür, dass mehr Geld unmittelbar hinausfließt als hineinfließt – aber der soziale Nutzen ist dafür sehr hoch. Es gibt zahlreiche öffentliche und private Fördertöpfe, die solche Projekte finanzieren wollen. Das Problem ist aber oft, dass es um ein Projekt anzuschieben erstmal sehr viel Zeitaufwand notwendig ist.

Wir bräuchten also eine neue Art Finanzierer für Social Venture Capital. Banken oder Stiftungen, die bei kleinen Projekten den Anfang der Projektentwicklung finanzieren und sich dann, wenn die institutionellen Töpfe einsteigen, mit einem kleinen Gewinn zurückziehen. Bisherige Projekte wie die Youthbanks oder auch die Doris-Wuppermann-Stiftung, die ohne großen bürokratischen Aufwand Jugendprojekte fördern, geben das Geld leider erst nachdem ein Projekt vorbei ist. Solche Zusagen sind schon viel wert, allerdings erfordern die meisten Projekte erstmal einen großen Aufwand an Vorarbeit, den bisher nur die großen Vereine, Verbände und Parteien stemmen konnten – während kleinere Organisationen und Netzwerke ihre Probleme damit hatten.

Mit dem Konzept einer auf Social Venture Capital basierenden Projektentwicklung könnte man aus diesen Kreislauf herauskommen, Projekte sinnvoll beginnen und gleichzeitig die Möglichkeit der verschiedenen Entwicklungen offen lassen.

Was es jetzt nur noch bräuchte, ist ein Ort, an dem Social Venture Capital sich treffen kann, kombiniert mit einem Social Network, wo man arbeiten, im Internet surfen, Projekte planen und austauschen, Dokumente verstauen, Leute treffen, Ergebnisse dokumentieren, Spass haben.

Und diesen Ort muß es im echten Leben geben und in der virtuellen Welt.

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2 Responses to “Projekt 2.0 – Projektmanagement mit Social Venture Capital”

  1. medienlese.com » Blog Archiv » Irgendwas 2.0 Says:

    [...] Projekt 2.0 (karsten-wenzlaff.de) [...]

  2. Kasi-Blog » Blog Archive » „Berlins schönste Hinterhöfe“ - Idee für eine Sommerkampagne Says:

    [...] Nach einem Brainstorming mit Christoph Fahle ist das folgende Konzept bei rausgekommen, das im Projekt 2.0-Modus umgesetzt werden [...]

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