Green Chemistry, Reach und Bildungspolitik in Deutschland

Anfang Juni war ich auf der Woche der Umwelt im Bundespräsidialamt. Ein merkwürdiger Kontrast zu den G8-Protesten -viel Aufwand, viele Stände, aber leider wenig Vernetzung, selbst auf den Namenschildern fehlte die Organisation oder der Arbeitgeber.

Dort gab es auch auch eine sehr interessante Diskussion zu Green Chemistry, moderiert von dem Bremer Professor Bernd Jastorff und mit einleitenden Worten von Prof. Walter Leitner aus Aachen.

Green Chemistry bedeutet, dass nicht nur bei der Verarbeitung und Entsorgung von Chemikalien, sondern auch bei der Erforschung und Rohstoffgewinnung in der Chemieindustrie auf die ökologische Dimension geachtet wird.

In der anschließenden Diskussion mit Dr. Rainer Grießhammer Dr. Christian Hochfeld vom Freiburger Öko-Institut, Dr. Jörg Rothermel vom VCI und Dr. Kurt Wagemann von der Dechema zeigte sich, dass Green Chemistry eine Riesenchance bietet, auch mehr junge Leute für Chemie und Naturwissenschaften zu begeistern. Gerade weil viele junge Leute sich stärker für Rohstoffeffizienz, Klimawandel und Umweltschutz interessieren, müsste Green Chemistry eigentlich schon in der Mittelstufe bekannt gemacht werden. Dem stehen aber noch ein veraltertes Fächerdenken und oft der Lehrplan im Wege. (Bei mir zum Beispiel war es so, dass ich in der Oberstufe nicht gleichzeitig Chemie, Physik, Mathematik und Informatik nehmen durfte und dann gezwungen wurde, eines der Fächer abzuwählen.)

Aber auch an der Uni könnte das Thema Green Chemistry spannend werden – allerdings bleibt es bisher noch zu stark im engen Kreis der Chemiker und Ingenieure. Ich hatte an der Uni Bayreuth mal versucht, ein Seminar zum Thema REACH zu veranstalten, dass sich an Juristen, Chemiker, Ökonomen und Soziologen richten sollte – aber leider war das sowohl bei der Unileitung als auch bei den Dekanen auf taube Ohren gestossen.

Green Chemistry müsste einfach auch mal von der Marketing-Seite betrachtet werden. Wir stellen ja auf Nachhall-Texter immer wieder grüne PR-Kampagnen vor, aber im Bereich der Green Chemistry gibt es leider ziemlich wenig (hier ein Beispiel aus dem VCI, das aber zeigt, wie wenig die Chemie-Industrie das Thema Green Chemistry mittels Emotionen und Kreativität überträgt).

Daher war ich eigentlich ganz erfreut, als ich vom Seminar “Nachhaltigkeit in der Chemie” gehört hatte, welches die DBU Anfang Juli veranstaltet. Ich hab mir das Programm angeguckt und mich darauf gefreut, aus vielen interessanten Anwendungsbereichen der Chemie zu erfahren, wo der technische Stand der Dinge ist und was noch gemacht werden könnte. Als ich aber gehört habe, dass für die Woche fast 300 Euro als Teilnahmegebühr veranschlagt werden (und die Fahrtkosten müssen auch selbst getragen werden), da war ich dann schon ganz schön erstaunt, denn wie will man Studenten an das Thema heranführen, wenn man solche Preise verlangt?

PS Ein Beispiel für eine Anwendung von Green Chemistry im Unterricht kann man finden unter:
http://www.oc-praktikum.de/
PPS Was ich auch interessant fand: eine Teilnehmerin hatte gesagt, dass die Preise für nachwachsende und für fossile Rohstoffe korrelliert zu sein scheinen, dass heißt wenn fossile Rohstoffe teurer werden, die Produzenten von nachwachsenden Rohstoffen mitziehen. Die ökonomischen Auswirkungen dieses Phänomens müsste man mal näher untersuchen.

PPS Prof. Leiter machte mich darauf aufmerksam, dass das wissenschaftliche Journal “Green Chemistry” mittlerweile mit einem impact factor (mass für die Häufigkeit von Zitation pro Beitrag) viele klassische Journale der organischen oder anorganischen Chemie überholt hat.

PPPS Prof. Jastorff machte mich auf einen Fehler und einen fehlerhaften Link aufmerksam, die oben korrigiert sind.

PPPPS Gestern rief mich auch Dr. Hempel an, der für die DBU das Seminar koordiniert. Wir sprachen über die Kostenstruktur des Seminars und über Green Chemistry. Im Nachgang ist mir folgende Idee gekommen: seltsamerweise gibt es kein Blog, das sich mit Green Chemistry schwerpunktmäßig befasst und die neuesten Entwicklungen vorstellt. Das Journal ist zwar für den wissenschaftlichen Dialog wichtig, aber für den Dialog mit der Öffentlichkeit könnte eine spannende Kommunikationsform sein.

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One Response to “Green Chemistry, Reach und Bildungspolitik in Deutschland”

  1. www.nachwachsende-rohstoffe.biz Says:

    Zitat “PPS Was ich auch interessant fand: eine Teilnehmerin hatte gesagt, dass die Preise für nachwachsende und für fossile Rohstoffe korrelliert zu sein scheinen, dass heißt wenn fossile Rohstoffe teurer werden, die Produzenten von nachwachsenden Rohstoffen mitziehen. Die ökonomischen Auswirkungen dieses Phänomens müsste man mal näher untersuchen.”

    das ist ein völlig normaler zusammenhang. bei steigenden preisen für diesel suchen die marktteilnehmer nach alternativen. als folge steigt auch die nachfrage nach biodiesel, so dass auch hier die preise steigen.

    aber:
    durch die steigenden preise für biodiesel wird mehr biodiesel angebaut und die preise dürften als konsequenz dann mittelfristig auch wieder fallen.

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