Lieber Klaus Kocks,

Auf meinen letzten Artikel zu Ihrem PR-Vortrag an der Uni Bayreuth habe ich viel nettes Feedback bekommen, allerdings sagte mir auch jemand, dass er sehr nach Anti-Kocks klingt. Das war nicht meine Absicht, denn ich bewundere sehr, wie Sie eine Riesenwelle erzeugen können, ohne viel Substanz nachweisen zu müssen. Das heißt nicht, dass Sie keine Substanz besitzen – ich glaube sogar, dass Sie relativ viel Hintergrundwissen haben. Aber für Ihr öffentliches Image setzen Sie davon leider sehr wenig ein.

Eigentlich finde ich das schade, weil man so sehr wenig von ihnen lernen kann. Man kann lediglich lernen, wie jemand wie Sie denkt, aber praktische Hintergrundinformationen aus dem Bereich der Public Relations habe ich durch ihren Vortrag nicht erfahren.

Ihre These ist, dass es Authentizität nicht gibt. Ihrer Meinung nach machen wir uns nur Bilder von anderen Leuten. In diese Bildern projizieren wir unseren eigenen Präferenzen – wenn das Bild mit den eigenen Präferenzen übereinstimmt, dann halten wir es für authentisch. Gute PR sorgt dafür, dass ein beliebiges Bild mit den Präferenzen möglichst vieler Menschen entspricht. Habe ich das so richtig verstanden?

Um diese These zu belegen, verwenden Sie das Beispiel von Anna von Kleve und Heinrich VIII. Der englische Hofmaler Holbein hatte für den nach einer Braut suchenden Heinrich VIII die junge Adelige Anna von Kleve gemalt. Allerdings hat er sie so “schön” gemalt, dass Heinrich VIII sehr enttäuscht war, als er sie vor der Hochzeit zum ersten Mal gesehen hatte. Sie sei angeblich nicht so hübsch wie auf dem Bild von Holbein gewesen und bis heute halten sich Gerüchte, dass die “Märe von Flandern” (wie sie am Hof spöttisch genannt worden sei) noch nicht mal die einfachen Handgriffe der Liebeskunst können würde.

Betrachtet man aber die Lebenswege der anderen Frauen von Heinrich VIII, dann war Anna von Kleve vielleicht gar nicht so einfältig wie Sie es darstellen. Immerhin landete sie nicht auf dem Schafott wie Anna Boleyn oder Katharina Howard. Letzere konnte Heinrich dem VIII mehr zu Diensten sein, aber das half ihr bekannterweise recht wenig. Anna von Kleve verbrachte den Rest ihres Lebens finanziell gut abgesichert in einem Kloster in England. An einem Hof, der voll politischer Intrigen war und von einem selbstverliebten und egomanischen Monarchen geführt wurde, war “Sich-Dumm-Stellen” vielleicht eine gute Überlebensstrategie. Anna von Kleve hat vielleicht selber viel dazu beigetragen, dass ihr öffentliches Bild so war wie es ist.

Dass Hofmaler aber schon immer Meister der politischen Propaganda waren, ist keine wirkliche Überraschung. Ein gutes Beispiel ist Anton von Werner, Hofmaler am Ende des 18. Jahrhundertes beim Preussischen Königshof. Dessen bekanntestes Gemälde, von denen viele in der Alten Nationalgalerie in Berlin hängen, ist sicherlich das Gemälde von Bißmarck und Wilhelm I im Spiegelsaal von Versailles nach der Eroberung von Paris 1871.

Historisch ist nicht belegt, dass die dort abgebildte Szene der Proklamation des Kaiserreichs überhaupt so stattgefunden hat. Aber das Bild ist ein eindrucksvolles Beispiel für politische Propaganda: der Kaiser erhält formal eine wichtige Rolle im Bild, aber die komplette Komposition ist auf den Architekten des deutschen Kaiserreichs, Otto von Bißmarck, zugerichtet und zeigt, wer wirklich die Macht im Staat hatte.

Aber auch ein Meister der politischen Propaganda muss authentisch sein. Ganz besonders kann man das an einem anderen Werk von Anton von Werner sehen: “Im Etappenquartier vor Paris”, gemalt 1894. Zu sehen sind ein paar preussische Offiziere, die mit dreckigen Stiefel und abgewetzter Koppel in einem bürgerlichen Salon eines Landhauses sich eingerichtet haben. Während der eine Offzier eine Heimatmelodie trällert, der zweite Offizier ihn am Klavier begleitet, macht es sich der dritte Offizier in einem Sessel bequem. Von den Besitzern des Hauses ist wenig zu sehen, lediglich deren Angestellte sind dabei, den deutschen Besatzern den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen.

Das Bild wurde mehr als 25 Jahre nach dem Deutsch-Französischen Krieg gemalt und hat die Aufgabe, an nationale Gefühle zu appellieren und den Krieg zu romantifizieren. Der genaue Betrachter kann sich aber sehr gut vorstellen, wie sich die deutschen Offiziere im fremdem Land benommen haben – wenig ritterlich und vornehm, sondern eher so rüpelhaft wie das der Krieg eben macht (nachzulesen in Guy de Maupassants “Fräulein Fifi” – via Abraum)

Trotz der politischen Propaganda musste der Maler aber authentisch bleiben – und er hat sich sehr viel Mühe damit gemacht. Das ganze Mobiliar, die Einrichtung, die Uniformen der Offiziere und viele Details sind paßgenau an den Geschmack der damaligen Zeit angepasst – aber nicht dem Zeitpunkt der Gemäldeerstellung, sondern dem auf dem Gemälde abgebildeten Zeitpunkt.

Der Maler wusste, dass sein Publikum auf solche Details achten würde. Das PR-Kunststück würde nur gelingen, wenn diese Details glaubwürdig eingearbeitet sind. Es gibt also doch Authentizität, auch wenn sie in vielen Fällen nur fabrizierte Authentizität ist. Daran hat sich auch in der Moderne nichts geändert – Hofberichterstattung und die Produktion von Bildern als Maßnahmen der politischen PR gibt es immer noch.

Das Problem ist nur, dass wir uns keinem Monopol der Medienproduzenten mehr gegenüber befinden, sondern fast jeder sein eigenes öffentliches Bild produzieren kann. Dadurch wird es immer schwieriger für alle, die von sich ein Bild erzeugen wollen, dass nicht mit der Realität übereinstimmt. Und deswegen gelingt es auch NGOs, Bloggern und Grassroots-Bewegungen immer stärker, politische Meinungsmacht zu entwickeln – in anderen Worten politische Bilder zu erstellen!

Authentizität ist notwendig, um politisch etwas erreichen zu können – denn ohne authentisches Verhalten entstehen nur kurzfristige Luftblasen, die schnell zerplatzen. Und deswegen wäre es schöner gewesen, wenn Sie in Bayreuth keine Luftblase erzeugt hätten, sondern etwas Authentisches wiedergegeben hätten. Aber vielleicht sind das auch nur meine eigenen Präferenzen?

Viele Grüße und Alles Gute.

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One Response to “Lieber Klaus Kocks,”

  1. Kasi-Blog » Blog Archive » American Silence Says:

    [...] media, art assumes the role of spreading public propaganda. I have discussed this in an earlier article in which I reflected on some paintings of 19th century Germany, such as the famous “Deutsche [...]

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