G8 Realität – Fehler auf beiden Seiten des Grabens

Der G8-Protest in Rostock verlief viel friedfertiger als es die Berichterstattung darüber glauben macht. Die Proteste hätten natürlich noch friedfertiger verlaufen können. Dass Polizisten und Demonstranten verletzt worden sind, ist eine Sauerei und eine Trägodie – es hätte aber verhindert werden können, da auf beiden Seiten Fehler gemacht worden sind, die hoffentlich bei den G8 Protesten in den nächsten Tagen nicht mehr gemacht werden. Im großen und ganzen zeigen die Proteste aber die Vielfältigkeit der Globalisierungskritiker, die große Anzahl der Unterstützer, aber auch die fortschreitende Kommerzialisierung der gesamten Bewegung.

Ich hatte mich auf den Weg nach Rostock gemacht, weil ich nicht nur die G8 analysieren und nachspielen wollte, sondern auch einen Eindruck von der G8-Protestbewegung in Deutschland bekommen wollte.

Schon auf dem Weg von Hamburg nach Rostock gab es eine verbale Auseinandersetzung zwischen G8-Befürwortern und G8-Gegern, bei der sich auch die anderen Fahrgäste zugunsten der G8-Gegner einmischten. Die enorme Polizeipräsenz an jedem Halt des ICs war deutlich zu spüren, und diese machte auch sichtlichen Eindruck auf die Fahrradausflügler im Zug.

Der Rostocker Hauptbahnhof war einer der Startpunkte der Demonstrationszüge. Schon vom Zug aus konnte ich sehen, dass die Zahl der Demonstranten sehr groß war. Der Hauptbahnhof war dementsprechend überfüllt, die Polizei hielt sich sehr aber zurück und griff in die Menschenmasse nicht ein, die Richtung Vorplatz strömte. Ich selber hatte versucht, mein Gepäck einzuschliessen, war dann aber aufgrund voller Gepäckfächer erstmal zu meinem Opa gefahren, um dort mein Gepäck abzugeben. Auf dem Rückweg fuhr ich mit der S-Bahn zum anderen Demonstrations-Zug, der vom Schutower Kreuz im Norden von Rostock gestartet war.

Unter den Demonstranten waren die unterschiedlichsten Gruppen, von der DKP über die Grüne Jugend, von Greenpeace über den Revolutionär-Sozialistischen Bund, von Attac bis zur Linkspartei. Menschen sehr unterschiedlichen Alters, darunter Kinder, Rentner, viele Jugendliche, und auch viele Rostocker Bürger waren vertreten.

Die einzelnen Gruppen skandierten Sprüche, einige Lautsprecherwägen übertrugen politische Diskussionen, zwischendrin gab es Trommel-Gruppen und Tänze. Die Stimmung war sehr fröhlich und überhaupt nicht aggressiv.

Gegen 14.30 Uhr traf der Zug am Hafen ein. Unterwegs war mir aufgefallen, dass die Teilnehmer des Zuges sich bei den zahlreichen Imbißbuden und bei einer am Weg liegenden Tankstelle mit Getränken und Nahrung versorgten, während alle anderen Geschäfte geschlossen waren.

Alles in allem war die ganze Situation sehr friedlich. Von Angriffen auf Polizeiautos oder Geschäfte habe ich nichts mitbekommen, aber später gehört, dass dies vor allem in dem Zug vorgekommen war, der vom Hauptbahnhof starte.

Am Rostocker Hafen war schon die Konzertbühne aufgebaut, von dort wurde Musik gespielt und der ankommende Demonstrationszug verteilte sich über den Platz. Die Polizisten waren zwar sichtbar, aber hielten sich abseits auf einem Hügel.

Die Stimmung wurde aber dennoch zunehmend düsterer. Das mag zum Teil am regnerischen Wetter gelegen haben, aber auch das Dröhnen der Polizeihelikopter (die teilsweise zu sechst über den Köpfen der Demonstranten schwebten) war sehr bedrückend.

Unter den Demonstranten waren einige junge Menschen in schwarzen Kapuzenpullis und schwarzen Sonnenbrillen. In den Medien werde diese Menschen ja öfters als “Autonome” und “Schwarzer Block” bezeichnet. Einen “Schwarzen Block” konnte ich aber nicht entdecken, allerdings kann es auch sein, dass dieser sich schon auf dem Platz verteilt hatte. Die Anzahl der schwarzgekleideten Jugendlichen war recht hoch (ich würde sagen ca. 15 Prozent der Demonstrationsteilnehmer), aber diese Kleidung dient – soweit ich das aus Gesprächen erfahren habe – in erster Linie dazu, sich als Anarchist zu identifizieren.

Keineswegs war es aber so, dass alle “Schwarzgekleideten” auch später bei den Ausschreitungen zu Steinewerfern wurden, ich hab lediglich wahrgenommen, dass nur ein sehr kleiner Teil der “Schwarzgekleideten” Gewalt angewendet hat – auch wenn das in den Fernsehbildern sicherlich ganz anders erschien. Der Begriff “Autonome” scheint mir eigentlich vollkommen falsch, weil er ja lediglich den Fakt beschreibt, dass sich Anhänger des Anarchismus ungern in Vereinen oder zentralen Netzwerken organisieren. Beide Begriffe haben nichts mit der Einstellung zu Gewalt zu tun und deswegen ist es auch so irreführend, wenn in den Medien “Schwarzer Block”, “Autonome” und “Steinewerfer” gleichgesetzt werden.

Nicht alle “Autonome” sehen Gewalt als legitimes Mittel der politischen Auseinandersetzung an. Es gab gestern zahlreiche Leute, die sich selbst zum Schwarzen Block zählen, aber bei den Ausschreitungen zu vermitteln versuchten oder sich von den Ausschreitungen zurückzogen. Ich würde schätzen, dass weniger als 1 Prozent der Demonstrationsteilnehmer überhaupt gewalttätig war.

Entlang des Hafens waren verschiedene Einheiten der Polizei stationiert, die sich aber passiv verhielten. Innerhalb von ca. 15 Minuten änderte sich dies. Zuerst konnte man sehen, dass sich die Polizisten dem Demonstrationsplatz näherten und enge Formationen bildeten. Insbesondere eine bestimmte Gruppe von Polizisten, die überwiegend schwarze Uniformen anhatten (waren das Polizisten der Bundespolizei?), machten den Eindruck, dass sie gleich den Platz stürmen würden. Diese brisante Stimmung war bei vielen Demonstranten zu spüren, Unsicherheit machte sich breit, weil man nicht wußte, was passieren würde.

Ob die Polizisten dort schon angegriffen worden sind, ist schwer zu sagen, aber es flogen Leuchtraketen in die Richtung. Von einem der Lautsprecherwagen kam die Ansage, dass die Polizei versuchen würde, auf den Demonstrationsplatz zu stürmen – tatsächlich sah man auch die Formation der Polizei näher kommen. Ob es keinerlei Kommunikation zwischen Organisatoren und Polizei gab, weiß ich nicht, denn von der Bühne kam nur Musik, aber keinerlei Ansagen darüber, was der Grund der Polizeibewegung war.

Die Menge reagierte mit “Haut ab!”-Rufen und innerhalb der Demonstranten bewegte sich ein großer Teil der Menschen von der Polizei weg Richtung Wasser, während viele vermummte Demonstranten in Richtung Polizei liefen. Über einen kleinen Umweg begab ich mich zu einer Stelle, die etwas erhöht lag, um das Geschehen zu verfolgen.

Man darf nicht vergessen, dass während dieser Ereignisse der vom Hauptbahnhof kommende Zug auf den Platz stieß und dort zahlreiche Teilnehmer gar nicht wußten, warum die Polizeipräsenz so stark war.

Einige Steine flogen, allerdings hat dann die Polizei immer wieder kurze Manöver in die Demonstrantenmenge hinein gemacht, deren “Rückzug”-Wellen sich bis an das Ende des Demonstrationsplatzes fortsetzten.

Die Reaktion darauf war eine Zunahme der Steinwürfe, die wiederum mit kurzen Sprints der Polizei beantwortet wurden. Insbesondere in der Strandstrasse, einer parallel zum Ufer verlaufenden und durch eine Gestrüppreihe vom Demonstrationsplatz abgetrennten Strasse, kam es immer wieder zu Vor- und Rückwärtsbewegungen zwischen Steinewerfern und Polizisten, dazwischen Medienvertreter und Demonstranten, die zwischen beiden Gruppen zu vermitteln versuchten.

Man muß allerdings sagen, dass zu diesem Zeitpunkt nur ein kleiner Teil der anwesenden Polizisten eingriff. Viele Polizisten in den Nebenstrassen des Hafengebiets hielten sich außer Sichtweite und griffen nicht ein. Die eingreifenden Polizisten rannten immer wieder auf die Steinewerfer zu, verhaftete einzelne Menschen und zog sich dann zurück.

Die Polizisten waren anscheinend sehr gut koordiniert – die Steinwerfer allerdings auch. Sobald die Polizisten sich zurückzögen, kehrten die Steinewerfer um und begannen das “Spiel” von vorn. Ich habe zu diesem Zeitpunkt einige Demonstranten gesehen, die verletzt waren, ich hab keinen verletzten Polizisten gesehen, allerdings war die Lage auch sehr undeutlich, da Büsche, Autos und Menschen überall standen. Auf Seiten der Steinewerfer gab es auch einige, die offensichtlich die Aufgabe hatten, die sonstigen Demonstranten zu warnen, wenn sich die Auseinandersetzung in Richtung des Demoplatzes bewegte.

Das Problem war, dass auch zu diesem Zeitpunkt von der Polizei keine Ansage kam und auch den Organisatoren nicht – zum Beispiel die Aufforderung, sich zurückzuziehen. Die übrige Menge allerdings bekam von den Auseinandersetzungen nur indirekt etwas mit. Ich selbst begab mich in Richtung Rostocker Innenstadt. Dort war die Lage relativ ruhig, die Geschäfte waren zwar verbarrikadiert, vor dem McDonald’s standen lange Schlangen.

Ich traf in der Innenstadt ein paar Freunde und wir holten gemeinsam etwas zu essen. Da es aber veganisches Essen sein sollte, mussten wir einen längeren Fußweg in ein anderes Viertel auf uns nehmen. Das ganze dauerte ca. 2 Stunden, weswegen wir zum Glück wenig mitbekamen von der Eskalation, die später am Hafen den Einsatz von Wasserwerfern und Tränengas beinhaltete.

Als wir dann wieder in die Innenstadt gingen, merkten wir sofort, dass die dort stationierten Polizeieinheiten sehr nervös waren. Sie griffen immer wieder kleinere Gruppen von Demonstranten auf und nahmen deren Personalien auf. Der Hafen selber war umgeben von Wasserwerfern und Räumtrupps, aber die Stimmung schien sich etwas entspannt zu haben, da das Konzert schon in Gang war und viele Demonstranten tanzten.

Aus Gesprächen und aus der Berichterstattung wurde deutlich, dass die Polizei immer wieder versucht hat, die Steinwerfer von den friedlichen Demonstranten zu trennen. Die Demonstranten wiederum haben versucht, sowohl die Steinewerfer zu beruhigen als auch die Polizei dazu zu bringen, sich zurückzuziehen.

Man hätte die Eskalation verhindern können – glaube ich. Eigentlich wurde auf Seiten der Demonstranten und auf Seiten der Polizei versucht, die jeweils andere Seite nicht zu provozieren – beiden ist es nicht gelungen. Man hätte viel klarer kommunizieren müssen, was passiert. Man hätte den Demonstranten die Möglichkeit geben müssen, die Gewalt aus ihren Reihen selber zu unterbinden.

Es ist klar, dass weder bei den Globalisierungskritikern noch bei der Polizei effektive Strategien dafür vorhanden sind, wie man gewaltbereite Demonstranten beschwichtigt und Sachbeschädigungen und Angriffe auf die Polizei verhindert. Jede kleine Aktion der Polizei wird als Vorwand genommen, die Polizei anzugreifen, aber diese Angriffe auf die Polizei werden wiederum als Vorwand genommen, die Präsenz der Polizei zu verstärken. Dadurch dreht sich die Spirale der Gewalt immer schneller.

Die Deeskalations-Strategie ist nicht falsch. Im Gegenteil, dadurch wurde viel Schlimmeres verhindert. Die Szene, in der ein Polizeiauto angegriffen wird, ist schrecklich und sollte als Mahnung dienen. Es ist richtig, dass sich ein großer Teil der Demonstranten davon distanziert hat. Auch in dem Camps wurde noch lange diskutiert, was die Ereignisse für die Bewegung der Globalisierungskritiker bedeutet. Die nächsten Tage werden zeigen, ob beide Seiten aus den Ereignissen vom Samstag lernen kann.

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One Response to “G8 Realität – Fehler auf beiden Seiten des Grabens”

  1. Jörg Friedrich Says:

    Sehr informativer Tatsachenbericht! Danke!

    Jörg

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