Blogger-Gewerkschaft – Sinn oder Unsinn?
Helmut Merschmann hat in seinem Spiegel-Online-Artikel über Abmahnungen am Schluss folgenden Satz gebracht:
Darüber hinaus gerät die Blogger-Szene unter wirtschaftlichen Druck. Denn die Summen, die in den Unterlassungserklärungen gefordert werden, sind für einen Privatblogger sicherlich kein Pappenstiel: Zwischen 5000 und 20.000 Euro gefordertes Bußgeld ist keine Seltenheit. Angesichts solcher Zahlen wird es sich mancher zweimal überlegen, einen etwas zugespitzten Wortbeitrag zu lancieren beziehungsweise im Blog stehen zu lassen. Schon die Gerichtskosten würden zwischen 2000 und 10.000 Euro bewegen. Das sprengt so manche Portokasse. Abhilfe will ein derzeit in Gründung befindlicher Interessenverband der Blogger schaffen, der dann, ganz ähnlich einer Gewerkschaft, Rechtsschutz übernimmt.
Der Artikel ist ganz gut, es werden (natürlich) Udo Vetter vom Lawblog und Marcel Bartels von mein Parteibuch erwähnt, die sich wahrscheinlich bei Abmahnungen über Bloggern am meisten auskennen.
Ich hatte auf der Re:publica das Glück, mal kurz mit Udo und Marcel über die Idee einer Blogger-Gewerkschaft zu diskutieren. Meine eigenen Erfahrungen ist, dass traditionelle Gewerkschaften und Blogger nicht so recht zusammenpassen, auch wenn die Mediengewerkschaften versuchen, mehr Blogger ins Boot zu holen und entsprechende Angebote machen.
Aber damit Blogger als Medienmacher anerkannt werden, muss wohl die Diskussion über journalistische Qualitätstandards noch etwas weitergehen. Die Schnittmenge zwischen Bloggern und Journalisten ist zwar groß, aber eben nicht groß genug, um zum Beispiel den Deutschen Pressekodex auf die Blogosphäre anwenden zu können oder allen Bloggern Presseausweise zu verteilen.
Unabhängig davon wäre eine freiwillige Blogger-NGO schon sinnvoll. Man könnte sich gemeinschaftlich gegen Abmahner wehren, man könnte den Austausch voranbringen und vieles mehr.
Allerdings passt sich gemeinschaftlich organisieren ganz schlecht zum meist eher auf das selbst-orientierte Blog-Schreiben. Die Frage ist auch, ob so eine Blogger-Gewerkschaft selbst mit einer flachen Hierarchie, die notwendig wäre, um halbwegs was erreichen zu können, nicht schon in der Blogosphäre abgelehnt worden würde, die ja bekanntlich die Regel pflegt: “Jedes Blog ist gleich – nur manche Blogs sind gleicher als andere und haben einen höheren Pagerank”.
Zweifel hegen deswegen auch andere Blogger (zum Beispiel Tom). Er verweist darauf, dass bei fast jeder Aktion, bei der einzelne Blogger oder Bloggergruppen sich nach vorne wagen, die Blogosphäre mit viel Spott und Häme antwortet – oder auch mit berechtigter Kritik.
Der Einwand von Udo Vetter war, dass eine Blogger-Gewerkschaft sich nicht lohnen würde – es würden wahrscheinlich nur die Blogger nutzen, die auch des öfteren verklagt werden – und damit den Mitgliedsbeitrag in unerschwingliche Höhen katapultieren.
Aber ungeachtet dessen glaube ich, dass sich die Blogger früher oder später zu kleinen Netzwerken zusammenschliessen. Thematisch kann man das schon ganz gut merken, ich hab in der Blog-O-Pedia einige Blogs nach Themen sortiert und merke, wie sehr sich die Blogger eines Themes schon untereinander kennen. Es würde mich nicht wundern, wenn demnächst ein loser Blogger-Verbund entsteht, der auch themenübergreifend funktioniert.
Update: Das Thema haben jetzt auch andere aufgegriffen (Blogbar, Mayer, The Fellow Passenger, CIO, VUWA-Blog, FOB-Marketing, Best-Practice).
Mai 26th, 2007 at 12:47
Hallo! Ich würde gerne den SPON-Artikel lesen… aber die Link… funktioniert leider nicht (mehr).
Gruß!
Mai 26th, 2007 at 12:59
Jetzt müsste es funktionieren. Danke für den Hinweis.
Mai 26th, 2007 at 17:20
Als erstes mal möchte ich ein wenig (notwendige) Haarspalterei betreiben. Ich habe in meinem Artikel etwas von einem Verband geschrieben, nicht von einer Gewerkschaft. Der Unterschied ist recht einfach: Während ein Verband präventiv agiert, setzt sich eine Gewerkschaft für die Einhaltung der Rechte ein.
Der Verband würde also (z.B. durch Lobbyarbeit) versuchen die Gesetze zu verändern. Zum Beispiel das Gesetz zur Abmahnung dahingehend ändern, dass Blogger nicht mehr mit solchen Unsummen konfrontiert werden.
Die Gewerkschaft würde erst dann in Aktion treten, wenn es zu einer Abmahnung kommt. Sie würde dem Blogger also im konkreten Schadensfall helfen.
Diese Unterscheidung halte ich für sehr wichtig. Denn so wie Udo Vetter bereits einwendete, würde eine Gewerkschaft eher wenigen helfen. Ein Verband hingegen würde vielen nützen, denn auf gemeinsame Ziele kann man sich leichter einigen. Vor allem weil die Ziele nicht haarscharf umrissen sein müssen.
In wie weit nun Adical, die du verlinkt hast, etwas mit dem Tun&Treiben von Gewerkschaften und Verbänden zu tun haben, erschließt sich mir nicht. Adical ist eine reine Vermarktungsmaschinerie die sich mit ihrem Abmahnungsspendentopf selber einen Heiligenschein gebastelt hat. Das dieser Spendentopf reine Fassade ist, dürfte spätestens dann auffliegen, wenn die nächste Abmahnwelle durch Klein Bloggersdorf geht und 5, 10 oder noch mehr Blogger Hilfe benötigen. Denn dann taucht als erstes die Frage auf wer wie viel bekommt. Und vor allem, wer nichts bekommt.
Als ich etwas von “Verband gründen” schrieb, dachte ich nun nicht in erster Linie an einen Interessen-Verband. Sondern ein loser Zusammenschluss von Bloggern die sich als Gruppe identifizieren lassen, gewisse Ziele verfolgen und Regeln einhalten. Umgangssprachlich würde man vielleicht sagen “einen Verein gründen”. Aber das Vereinsrecht ist in Deutschland arg kompliziert. Einfacher, da juristisch nicht so straff reglementiert, ist da der Verband.
Adical ist in dieser Hinsicht vielleicht schon so etwas wie ein Verband. Die neudeutsche Bezeichnung “Netzwerk” trifft es aber eher. Denn Adical schreibt seinen “Mitgliedern” nicht vor wie sie zu bloggen haben oder welche Ziele sie verfolgen. Es ist lediglich eine Gruppierung von Leuten die ein gemeinsames Ziel haben: Ihr Blog zu vermarkten.
Die Grenzen zwischen Netzwerk, Verband und Verein sind mit Sicherheit fließend. Aber auch nicht so fließend, als das man die drei nicht klar voneinander abgrenzen könnte.
Mai 27th, 2007 at 11:45
Vielen Dank für die Verlinkung. Interessanter Artikel. Ich werd vielleicht mal bloggisch Stellung nehmen, und dann deine Position verarbeiten.
Mai 27th, 2007 at 16:55
Tausend Dank Kasi!
Juni 1st, 2007 at 22:36
Ihr Blocker seit ja schon ein komisches Völkchen!
August 7th, 2007 at 09:17
[...] 07:44 | Aug 07’07 Kommt die Bloggewerkschaft? In Deutschland denken diverse Blogger regelmäßig an einen “Blogger Verein e.V.” nach um ein [...]
August 7th, 2007 at 09:30
[...] suchen sich vier weitere und gründen einen Verein. Lustige Idee allerdings, das auch noch Gewerkschaft zu nennen. Ich bin aber auch gegen [...]