PR-Journalismus beim Holtzbrinck
In den Stellenanzeigen der Holtzbrinck-Tochter “Tagesspiegel” wird ein PR-Journalist für die ebenfalls zum Holtzbrinck-Konzern gehörenden “Potsdamer Neueste Nachrichten” gesucht. Interessanterweise wird direkt kommuniziert, was zum Berufsbild gehört, nämlich die Werbung der lokalen Wirtschaft möglichst gut verpacken.
Die Potsdamer Neuesten Nachrichten liefern Tag für Qualität für anspruchsvolle Zeitungsleser.
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Aber anscheinend gibt es nicht mehr so viele anspruchsvolle Zeitungsleser in Potsdam, denn mit der “Potsdam am Sonntag” hat sich die PNN ihr eigenes, kostenloses Werbeblättchen hingestellt, dass die für diese Gattung übliche Mischung aus Bordellanzeigen, Lokal-”Journalismus” und Aldi-Werbung liefert. Im PNN-Slang nennt man das
wertvolle Tipps für Verbraucher, Freizeit oder Familien
- obwohl ich mich frage, welche Tipps die Freizeit von der PNN erhält, als metaphysische Instanz ohne korpularen Charakter?
Aufgabe ist es, die regionale Wirtschaft in diesem Blättchen unterzubringen, nämlich – und jetzt wirft sich der kritische Journalismus in die Ecke und fängt an zu weinen – als das,
was sie ist, Motor des Wohlstands einer Gesellschaft – und immer einen Bericht wert.
Die Qualifikationen sind dafür nicht etwa, dass man sein Gehirn abschaltet, seine Herz, Seele und die Oma an die Kleinkrämer aus Potsdam verkauft, sondern dass man
geborener Schnelldenker, pragmatisch und ergebnisorientiert, eloquent und kommunikationsstark
ist. Es hilft auch, wenn man lesen kann, sich für einen Journalisten hält, oder wie das die PNN schreibt,
aus einer Redaktion oder dem PR-Bereich
kommt. Man muß auch ein bißchen mentaler Hütchenspieler sein, denn die zukünftigen Worthuren verzaubern nicht nur mit ihrer
lebendigen, zugleich präzisen Sprache
die Leser sondern, wissen auch
welche Unternehmensaktivitäten für eine breite Leserschaft spannend sind und wie man sie unterhaltsam präsentiert.
In anderen Worten, wie man die tolle Verkaufsparty des lokalen VW-Händlers als das Event des Jahrhunderts präsentiert.
Das Schöne ist, dass niemand anders mitgekriegt, wie die Nachwuchspressemafia sich den Mühlstein des Billigblattjournalismus um den Hals hängt, denn die Bewerber müssen sich darauf einstellen, der einzige und alleinige Arsch vom Dienst zu sein. Nicht nur trägt man nach
schneller Einarbeitungszeit
schnell Verantwortung für das Sonntagsblättchen als sein eigener Chefredaktuer, sondern man muß das Ding auch vermarkten, layouten und die Bilder, die man wahrscheinlich selber schießen muss, noch bearbeiten. Nicht zu vergessen:
Eine Festanstellung ist möglich.
Liebe Regina Müller, PNN-Verlagsleiterin, auch wenn Sie noch nicht mal eine Briefadresse angeben, sondern nur ganz cool WebZwoNull-mäßig Ihre Emailadresse (Bewerbungen sind auch nur per Email im PDF-Format möglich – PDF steht für Pressedreckfresser):
Schön, dass Sie mit Ihrer deutlichen und fast schon prosaisch zu nennenden Stellenanzeige der gesamten Branche einen Bärendiest erweisen. Ich würde aber vorschlagen, das nächste Mal Papier zu sparen und einfach zu schreiben:
Suche Volldeppen, der zu den schon bezahlten Anzeigen Texte dazukladdert, so dass unsere Sonntags-”Zeitung” nicht gleich als Altpapier in die Tonne wandert. Bezahlung ist bei guter Führung möglich, Überstunden sind Ehrensache, am liebsten wären uns Praktikanten. Gewissen, journalistische Kenntnisse, Spass am Beruf können Sie in der Journalistenschule lassen.
März 11th, 2007 at 19:46
gelungen!
März 11th, 2007 at 20:07
Where is the beef? Das war schon immer so, Journalisten erzählen sich über ihren Beruf vor allem gerne Märchen. Zum Beweis führe ich hier einen Text ins Feld, den der Autor Frank Schulz über seine Zeit bei einem Südhamburger Anzeigenblatt in den 80er Jahren verfasste:
Das ist die Lebenswirklichkeit.
März 11th, 2007 at 20:20
Hmm, – das Journalisten selber wissen, geschenkt! Aber das Bewerbungen dafür noch in so netter Prosa eingepackt wird, das fand ich schon bemerkenswert.
März 12th, 2007 at 01:31
Wetten, dass Regina Müller von den Potsdamer Neuesten Nachrichten in der nächsten Woche waschkorbweise Bewerbungen bekommt? Es muss doch so geil sein, bei einem Telefonsex-Spin-Off eines großen deutschen Verlages in der Landeshauptstadt Potsdam zu arbeiten!
P.S. Glückwunsch zum 250. Post!
März 14th, 2007 at 13:13
[...] von Stackenblocken hat meinen Artikel über PR Journalismus [...]
Juli 21st, 2008 at 20:58
Na, das steht ja immer noch im Netz und ist seit Ersterscheinen noch immer nicht wahr geworden. Die Anzeige war schlicht falsch gestaltet. Eine Anfrage hätte gereicht – und man hätte es erfahren können. Super Reherche, Kollegen! Denn der PR-Journalist ist eben nicht für die PNN gesucht worden sonden ausdrücklich für den Verlag, in dem die Zeitung erscheint; nochmal: nicht für den Zeitungsbereich sondern für andere Verlagsprodukte wie ein PR-Veranstaltungsmagazin.
Die Einstellung des PR-Redakteurs diente ausdrücklich der Trennung von Redaktion und Verlag: Die Zeitung hat ihre Schreiber, der Verlag seinen PR-Texter für andere Produkte und Sonderveröffentlichungen. So kommt niemand in Versuchung.
Ansonsten: Noch viel Spass beim rumorakeln.
Peter Tiede
PNN
Juli 25th, 2008 at 14:00
Danke für den Kommentar, Herr Tiede!