Bachelor – ungenügend?
In der ZEIT vom 13. Januar des letzten Jahres kann man über die Bachelor-Master-Studiengänge nur Gutes lesen: „Der deutsche Bachelor und sein großer Bruder, der Master, stecken keineswegs in der Krise. Ihre Einführung läuft besser als erwartet. Seit 2001 ist die Zahl der gestuften Studiengänge ums Vierfache … gestiegen, die Zahl der Studenten hat sich … gar verzehnfacht, … die Zuwachsraten sind gewaltig.“
Ist das aber ein Argument für die Güte der Bachelor- und Masterstudiengänge? Die Anzahl der gestuften Studiengänge steigt zwangsläufig, weil Politik im Einklang mit Hochschulleitungen Druck machen, den Magister und das Diplom abzuschaffen. Die Studierenden wiederum haben mittlerweile an vielen Universitäten gar nicht die Möglichkeit, zwischen Magister, Diplom oder dem Bachelor-Master-System zu wählen. Wer so argumentiert wie die ZEIT-Autoren, der glaubt auch, dass eine Suppe schon deswegen gut schmecken muss, weil sie aufgrund einer heißen Kochplatte zu köcheln beginnt.
Verpasste Chance
An den Universitäten wurde die Chance versäumt, einen fairen Wettbewerb zwischen den Studienarten zuzulassen. Nur so hätte man feststellen können, welches System (Magister und Diplom vs. Bachelor und Master) am Ende für die Studierenden und für die Gesellschaft am besten ist. Oft wurden die Magister- und Diplomstudiengänge aber nicht parallel zum Bachelor/Master weitergeführt, sondern kurzfristig und unüberlegt durch die Bachelor-Master-Studiengänge ersetzt.
Wie das vonstatten geht, sieht man in Bayreuth. Der erste Schritt war, dass die Professoren der Philosophie und der Volkswirtschaftslehre bewusst wurden, dass beide Studiengänge kurz vor dem Aussterben waren. Also wurde der Bachelor-Studiengang Philosophy & Economics gegründet. Wie sagte es mein BWL-Prof so schön: da hielten sich zwei Einbeinige aneinander fest, um nicht umzufallen.
Die Professoren nutzen die Gelegenheit, um das Curriculum neu zu sortieren, Schwerpunkte zu setzen und interdisziplinäre Forschungsprojekte anzugehen. Die Revision der Prüfungs- und Studienordnungen verbesserte zumindest anfangs spürbar die Qualität der Lehre. Gleichzeitig wurde massiv für den Studiengang Werbung gemacht (beispielsweise auf der Internetseite der Hochschulrektorenkonferenz oder durch einen Versand von Broschüren an die Gymnasien in Deutschland). Dass Studiengänge mehr Werbung machen müssen, um Studierende anzuziehen, ist nicht verwunderlich, schließlich müssen die neuen Studiengänge gegen die immer beliebteren FH-Studiengänge, gegen besser konzipierte und praxisnahe Ausbildungsgänge und Traineeships bestehen. Dadurch wandelt sich die Rolle der Professoren: raus aus dem akademischen Elfenbeinturm und rein in die Werbeagentur.
Allerdings waren, wie immer wenn eine neue Struktur entsteht, zahlreiche Anfangsschwierigkeiten zu überwinden. Die Gewichtung der Leistungspunkte entsprach nicht dem tatsächlichen Lernaufwand und die Studienordnung erlaubte ein sehr flexibles Studium. Weil die Professoren in der Anfangsphase möglichst viele Studierende aufnehmen wollten, erlaubten sie den Studierenden anderer Studiengänge großzügig sich Prüfungsleistungen aus anderen Fächern anrechnen zu lassen und auch die Noten wurden sehr großzügig vergaben.
Weil die Prüfungsordnung des Bachelor in der Anfangszeit sehr flexibel war, nutzen einige sehr gute Studierende, parallel zum Diplom noch den Bachelor als Zweitstudium „mitzunehmen“. Das kreative Chaos der Anfangszeit schuf Nischen für eine bestimmte Sorte von Studierenden, die sehr schnell fertig werden konnten, sich gegenüber anderen Hochschulen gut darstellen konnten und auch beim Berufseinstieg sehr erfolgreich waren.
Diese Studierenden (in der BWL würden solche Menschen, die sich schnell auf neue Dinge und Produkte stürzen, Innovatoren genannt) wurden oft als Kronzeugen für den Erfolg des Bachelor-Master-Systems und insbesondere des Studiengangs Philosophy & Economics genannt. Dabei wurde vergessen, dass der Erfolg eines Studiengangs sich erst wirklich ermessen kann, wenn sich der Studiengang etabliert hat und auch die „Durchschnitts-“Studenten ihre Abschlüsse erhalten haben. Erst wenn man deren Einstieg in den Beruf, deren Zufriedenheit mit ihrer Ausbildung untersucht, erschließt sich die Qualität eines Studiengangs. Wer nur die Sahnehaube probiert, wird selten wissen, ob die Suppe schmeckt.
Die neue Studienkombination, die guten Abschlüsse dieser ersten Studierenden und die aggressive Werbung motivierten dann mehr und mehr Studierende, sich in Philosophy & Economics einzuschreiben. Bereits im zweiten Jahr nach der Einführung des Studiengangs hatten sich mehr als 150 Studierende eingeschrieben – gegenüber den 10 Magisterstudenten in Philosophie natürlich ein Riesensprung!
Die hohe Anzahl an Studierenden konnten nur mit mehr Lehrpersonal bewältigt werden – also drangen die Lehrenden auf die Einrichtung einer dritten Professur und einer vierten Juniorprofessur. Auch dadurch wurde das Angebot natürlich verbessert.
Der Glanz guter Studierender und Lehrender bringt auch den Studiengang zum Glänzen und erzeugte in der Kulturwissenschaftlichen Fakultät einen gewissen Anpassungsdruck. Die anderen Studiengänge wollten dem nicht nachstehen und gründeten eigene Bachelor-Programme, zum Beispiel den Bachelor-Studiengang in European History. Aber das war nicht genug: jetzt wurde im Senat der Universität Bayreuth als auch im Fakultätsrat beschlossen, dass die Magister-Studiengänge ganz abzuschaffen sind. Die Studierenden, die damals im Fachbereichsrat Mitspracherecht hatten, gehörten natürlich Philosophy & Economics an und hatten wenig Ahnung davon, welche Chancen ein Magisterstudiengang bieten kann. Ich hatte das Glück, einer der letzten Studenten zu sein, die noch im Zweitstudium einen Magister in Soziologie studieren konnten, und erlebe den Unterschied zwischen Bachelor/Master und Magister täglich am eigenen Leib.
Bologna-Prozess nicht umgesetzt
So wie sich die Kulturwissenschaftliche Fakultät der Uni Bayreuth verändert hat, so hat sich auch die die deutsche Hochschullandschaft verändert. Einzelne Innovationen in der Studienlandschaft führten zu irreversiblen Prozessen. Das wäre nicht weiter tragisch, wenn dadurch das gesamte Hochschulsystem besser geworden wäre. Besser im Sinne der Bologna-Erklärung bedeutet ein internationales vergleichbares, interdisziplinäres Studium zu ermöglichen, eine internationale Lehre anzubieten, die Studienzeit zu verkürzen, weniger Studierende das Studium abbrechen zu lassen und einen besseren Einstieg ins Berufsleben zu ermöglichen.
Allerdings kann man an Philosophy & Economics deutlich sehen, dass der Studiengang diesen Ansprüchen nicht gerecht werden kann und die Verbesserungen der Anfangszeit nicht auf Dauer durchgehalten werden konnten. Ebenso wie viele andere Bachelor-Studiengänge hält Philosophy & Economics nicht ein, was versprochen wird.
Der Studiengang hat zwar einen englischen Titel, die Vorlesungen werden aber größtenteils auf Deutsch gehalten. Ein internationales Studium ist das nicht. Dazu gehört, dass sich die Lehre inhaltlich an der internationalen Entwicklung orientiert, dass Lehrende und Studierende einen Forschungsbeitrag leisten können, der international anerkannt ist. Internationalität setzt voraus, dass im Studiengang Studierende der unterschiedlichen Länder eingeschrieben sind und dass echte Partnerschaften zu ausländischen Universitäten existieren, die weit über das derzeit übliche Maß der „Ich schick Dir meine, Du schickst mir Deine Erasmus-Studenten“ hinausgeht. All das kostet Zeit, die aber die Lehrenden nicht haben, weil sie immer mehr Zeit in Eigenwerbung stecken müssen.
Philosophy & Economics zeigt, dass es nicht ausreicht, nur die Punkte des European Credit Transfer System (ECTS) auf die Seminare und Vorlesungen zu verteilen, um international vergleichbar zu sein. Vergleichbarkeit würde bedeuten, dass Studienleistungen im Ausland anerkannt werden bzw. ausländische Studienleistungen im Inland anerkannt werden. Dabei sind die Hürden nicht die inhaltlichen Unterschiede, sondern dass an einer Uni auf ein und dasselbe Seminar vier und an der anderen Uni zwei ECTS-Punkte vergeben worden sind. Um das zu verhindern, müsste man weniger bei der Anerkennung von Studienleistungen mehr nach den Inhalten fragen, weniger nach den ECTS-Punkten!
Um eine interdisziplinäre Lehre zu gewährleisten, ist es nicht ausreichend, nur Module aus unterschiedlichen Fakultäten zu kombinieren. Interdisziplinarität bedeutet, dass fachübergreifende Probleme aufgegriffen werden und die jeweiligen Fachgebiete versuchen, aus ihrem Repertoire Lösungen beizusteuern. Echte Transdisziplinarität würde sogar bedeuten, wenn die verschiedenen Fachgebiete gemeinsam Lösungen erarbeiten würden. Philosophy & Economics musste dabei einen Lernprozess durchmachen. Waren anfangs die interdisziplinär angelegten „Verzahnungsseminare“ lediglich Auffangkorb für Seminarthemen, die weder in die Philosophie noch in die VWL passten, so sind seit einigen Semestern transdisziplinäre Forschungsvorhaben tatsächlich umgesetzt worden, beispielsweise in diesem Semester ein Forschungsvorhaben über Entwicklungspolitik in Afrika, im letzten Jahr ein Forschungsprojekt über die Neuverhandlung des EU-Budgets.
Deutlich zeigt sich aber, dass die gestuften Studiengänge nur den Rahmen für interdisziplinäre Zusammenarbeit bieten können, der aber von den Lehrenden und den Studierenden ausgefüllt werden muss. Die Frage stellt sich aber, ob die gestuften Studiengänge das besser können als die Magister- und Diplomstudiengänge. Ja und Nein. Einerseits waren Magisterstudiengänge und Diplom-Studiengänge immer schon interdisziplinär angelegt durch die Wahl der Haupt- und Nebenfächer.
Der Vorteil des alten gegenüber dem neuen Studiensystem war allerdings, dass die Studierenden durch die Wahl ihrer Nebenfächer eine gewisse Flexibilität bei der Kombination der Studienfächer erzielen konnten und somit schlicht durch ihre Interessen interdisziplinäre Ansätze förderten. Bei den Bachelor-Master-Studiengängen ist das ungleich schwerer. Möchte ich zum Beispiel anstelle von Philosophy & Economics lieber Philosophie und Geowissenschaften studieren, bliebe mir das verwehrt. Die jetzige Interdisziplinarität ist daher aufgezwungen – die alte Interdisziplinarität war das Ergebnis eines komplexen Auswahl- und Tauschprozesses, und brachte bessere Ergebnisse hervor.
Berufsqualifizierung?
Erfüllt Philosophy & Economics wenigstens die Hoffnungen auf einer stärkeren Berufsorientierung und kürzere Studienzeiten? Das kann zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht eindeutig bewertet werden. Bisher sind sehr wenige Studierende im Beruf angekommen, da der Studiengang dieses Jahr erst ins sechste Jahr geht.
Es scheint so, dass für einige Studierende der Bachelor-Abschluss den Einstieg direkt ins Berufsleben ermöglicht hat. Sie können nach einem Bachelor-Abschluss zwei bis drei Jahre jobben und dann mit einem Master-Abschluss die berufliche Karriere neu ausrichten.
Ob dies für alle Absolventen von Philosophy & Economics gelten wird, ist fraglich. Während im angelsächsischen Raum der Bachelor-Abschluss tatsächlich für fast alle Berufe die Türen öffnet und auch zum Beispiel der Wechsel von einem geisteswissenschaftlichen Bachelor zu einem naturwissenschaftlichen Master keine Seltenheit darstellt, sind in Deutschland die Weichen leider anders gestellt.
Unternehmen wollen in Deutschland am liebsten Absolventen einstellen, die ihren Studienschwerpunkt und ihre Abschlussarbeit in dem Bereich gelegt haben, den das Unternehmen von seinem Portfolio her abdeckt. Dies sind aber nicht die Philosophy & Economics-Studenten, sondern meistens eher BWL-Studierende mit einem bestimmten Schwerpunkt. In England ist es keine Seltenheit, wenn im Management eines Unternehmens auch Theologen, Philosophen oder Literaturwissenschaftler arbeiten – dort zeigt der Bachelor nämlich lediglich, dass man abstrakte Prozesse begreifen kann. Quereinsteiger lernen im Unternehmen dann die notwendigen Fertigkeiten. In Deutschland ist der Experte gefragt, der sich langsam durch die Unternehmenshierarchien nach oben bewegt.
Die deutschen Universitäten sind nicht wesentlich flexibler als die deutschen Unternehmen. Ein Studienwechsel von einem Bachelor Philosophy & Economics in einem Master VWL ist sehr schwierig. Die Universitäten züchten sich lieber ihren eigenen Nachwuchs heran. In angelsächsischen Ländern, aber selbst in den Benelux-Ländern und in Skandinavien kann man für den Master in ein anderes Fachgebiet wechseln – allerdings muss man sich während des Masters entsprechend qualifizieren, indem man z.B. Kurse aus dem Bachelor-Programm nachholen muss.
Das wichtigste Argument der Bachelor-Befürworter ist die schnelle Studienzeit. Ein Teil der Studierenden ist in fünf bis sechs Semestern fertig, allerdings ein Großteil der Studierenden der Philosophy & Economics-Absolventen brauchten mindestens sieben, wenn nicht gar acht Semester zum Abschluss.
Einerseits liegt das sicherlich am geforderten Auslandssemester und der damit verbundenen Verschiebung von Kursen in spätere Semester. Andererseits entdecken viele Studierende erst im fünften oder sechsten Semester, welche Schwerpunkte sie in ihrem Studium- und Berufsleben setzen wollen. Die Wahl eines Bachelor-Themas will gut überlegt werden, und viele meiner Kommilitonen (und darunter auch sehr gute Studierende) haben sich damit Zeit gelassen und zwischendrin mit Praktika Berufserfahrung geknüpft.
Nicht umsonst sind im Ausland die Bachelor-Studiengänge meist von vornherein auf zwei oder vier Jahre angelegt – zwei für eine kurze Berufsausbildung, vier für eine akademische Karriere oder eine umfangreiche Berufsausbildung.
Lieber die Lehrenden als die Studierenden reformieren
Philosophy & Economics kann unter Gesichtspunkten des Bologna-Prozesses nicht besonders gut bewertet werden. Wahrscheinlich haben viele andere Bachelor-Studiengänge ähnliche Probleme. Woran liegt das? In Deutschland wurde die Chance versäumt wurde, die Reform bei den Lehrenden anzusetzen.
So haben die Professoren beispielsweise nicht weniger, sondern mehr Aufgaben zugeschustert bekommen. Anstelle wie in den USA für die Verwaltung von Lehre und Prüfungen, für die Personalverwaltung, für die Einwerbung von Drittmitteln und die Anwerbung von Studierenden spezielle Stellen an der Uni zu schaffen, müssen die Professoren diese Aufgaben in Deutschland selber übernehmen. Sicherlich würden auch einige Professoren aus falsch verstandenem Habitus diese Aufgaben gar nicht abgeben. Dennoch wäre es sinnvoller, wenn die Professoren sich stärker auf die Entwicklung ihrer Forschungsgebiete und die Ausarbeitung einer guten Lehre konzentrieren könnten.
Eine Studienreform hätte dann auch bei den Lehrmethoden ansetzen können. Leider fehlen vielen Lehrenden rudimentäre Kenntnisse in der Lernpsychologie – am monotonen, lediglich durch gelegentliche Fragen unterbrochenen Vorlesungsstil hat trotz Studienreform nichts geändert.
In den Seminaren und Vorlesungen meiner ausländischen Gastprofessoren wimmelt es von Inter- und Eigenaktivität der Studierenden. Pünktlich nach 45 Minuten wird eine Pause gemacht, um Kopf und Körper zu bewegen – neunzigminütige Dauermonologe trifft man selten.
Eine Studienreform müsste bei der Lehre ansetzen – nicht bei den Studierenden. Dazu gehört natürlich, dass sich das Selbstverständnis der Dozenten radikal ändert. In Deutschland sehen Universitätsprofessoren sich mit einer lebenslangen, gut bezahlten Aufgabe konfrontiert, die oft nicht mal ordentlich durch Studierende oder Externe evaluiert wird. Der Mittelbau, bestehend aus meist schlecht bezahlten Privatdozenten oder wissenschaftliche Mitarbeiter, hält den Studienbetrieb aufrecht. Gemeinsam mit den unterbezahlten HiWis – die zu Hilfsarbeiten herangezogenen Studierenden – wird nur so in vielen Universitäten die Qualität der Lehre halbwegs gesichert. Eigentlich müsste man das System aber auf den Kopf stellen – mehr Evaluation für Professoren, mehr Mittel und mehr Einfluss für den akademischen Nachwuchs.
Die Evaluation der akademischen Leistung darf sich nicht nur an der Liste der Publikationen und der eingeworbenen Drittmittel orientieren. Die eigenen Veröffentlichungen immer wieder selbst zu zitieren und so zu recyceln, entspricht nicht dem Ideal des wissenschaftlichen Publizierens. Veröffentlichungen in Journals und Büchern sind nicht mehr die einzige Möglichkeit, wissenschaftliche Kompetenz zu beweisen. Online-Lexika wie Wikipedia oder wissenschaftliche Blogs haben teilweise eine sehr viel höhere Qualität als mancher veröffentlichter Artikel in einem Lexikon. Wissenschaft in anderen Medien, zum Beispiel im Fernsehen, im Internet in geschriebener oder visualisierter Form, im Hörfunk oder eben in der Vorlesung zu präsentieren, ist oft schwerer als gedacht und sollte höhere Anerkennung erfahren.
Warum aber hört die Studienreform dort auf, wo sie eigentlich erst anfangen müsste? Den Druck zugunsten einer besseren Lehre können Studierende in Zeiten von Bachelor-Master-Studiengängen nicht mehr erzeugen. Auch dann nicht, wenn Studiengebühren eingeführt werden. Studiengebühren machen Studierende nicht zu Kunden machen würden, denn nur weil man etwas bezahlt, kann man es noch lange nicht verändern. Hat man sich erstmal an einer Universität eingeschrieben, so ist man dank Prüfungs- und Studienordnung dem Lehrmonopol der Uni vollends ausgeliefert.
Der Tellerrand wird steiler
Um Veränderungen bewirken zu können, müsste man in der Lage sein, Anreizstrukturen für Verhalten bei den Lehrenden verändern zu können. Von Studierendenorganisationen in Bayern wird dabei in erster Linie auf die Demokratisierung der Hochschule und der Einführung von ASten gedrängt. Auch wenn es für die Demokratisierung viele gute Argumente gibt, die fehlenden Strukturen bei den Studierenden sind nicht die Achillesferse der studentischen Veränderungsmöglichkeiten.
Die Studierenden sind deswegen so machtlos, weil sich das Verhältnis der Studierenden zum Studium radikal geändert hat. Während vorher die Abschlussnote erst durch die schriftlichen und mündlichen Prüfungen am Ende des Diploms- bzw. Magisters festgelegt wurde, werden die Bachelor- und Master-Abschlussnoten durch sogenanntes studienbegleitendes Prüfen festgelegt. Jede Note zählt.
Studierende müssen also viel Zeit für das Erlangen einer guten Note aufwenden. Dazu scheint es immer besser zu sein, wenn man den Dreiklang aus „Auswendig lernen“, „Sich Anpassen“ und „Dem Professor Nachplappern“ möglichst gut beherrscht. Eine gute Note ist aber nicht notwendigerweise korreliert mit einem Lernerfolg. Der stellt sich nämlich ein, wenn Lernende selber denken und sich im akademischen Widerspruch zu ihren Professoren befinden und wenn Studierende über den Horizont ihrer Pflichtseminare hinausschauen. Dies kann aber nur gelingen, wenn die verpflichtenden Kurse des Grundstudiums relativ schnell abgehakt werden. Auch das ist zumindest bei den Bachelor-Studiengängen nicht gegeben – weil jede Note zählt, versuchen Studierende ihre Grundkurse immer wieder zu schreiben und finden dann nicht mehr die Zeit, sich für andere Sachen zu interessieren.
Durch die Verkürzung des Studiums auf sechs Semester leidet auch das ehrenamtliche Engagement. Eine weitere Möglichkeit, Berufsqualifikationen zu erwerben und über den Tellerrand des Grundstudiums hinauszugucken, fällt damit weg. Und wer nur für sechs Semester an einer Uni bleibt, hat weniger Interesse, sich in den studentischen Organisationen zu engagieren oder dafür einzutreten, dass sich an der Uni etwas verändert.
Studierende an die Macht
Damit aus dem Bologna-Prozess noch etwas wird, wäre radikales Umdenken gefragt. Drei Schritte wären dazu notwendig: erstens müssen die Studierenden selber entscheiden können, ob und in welcher Höhe Studiengebühren erhoben werden sollen und wie diese verwendet werden sollen. Erst dann sitzen sie am längeren Hebel der Universitätsreform. Zweitens müssen die Universitäten wieder Diplom, Magister und Bachelor-Master parallel anbieten – nur so kommt wahre Vielfalt zustande. Dazu würde aber auch gehören, dass sich Hochschulpolitik aus den universitären Entscheidungen heraushält. Und drittens, müsste man die Professoren und wissenschaftlichen Mitarbeitern danach bezahlen, wie gut ihre Lehre ist und wieviele Studierende sie betreuen – erst dann würden die Hochschulen zu Exzellenzzentren werden.
Mai 27th, 2007 at 18:04
[...] vor einiger Zeit habe ich über mein Studium Philosophy & Economics geschrieben, damals auch aus dem Frust heraus, dass viele Ideen, die wir als Studenten vorgebracht haben, immer [...]
Oktober 6th, 2007 at 23:54
Sehr interessanter Artikel. Bringt viele neue Ansätze und Ideen. Diese sind aber teilweise diskussionswürdig weil recht allgemein gehalten. Kruz: Ich würde alles nicht so unterschreiben.